Aktien für den Regenwald

Im Rückblick wirkt das vielleicht kitschig, aber genauso war es damals: 1997, in der dritten Klasse, habe ich ein Referat über den Regenwald gehalten. Der Gedanke, dass pro Sekunde die Größe eines Fussballfeldes gerodet wird, war mir damals unerträglich. Mein Referat endete mit einem Spendenaufruf und gemeinsam sammelten wir als Klasse damals 50 D-Mark für unsere „Regenwaldschutzaktie“. Anschließend gründete ich mit meinen Freunden ein „Greenteam“ und wir sammelten im Auftrag von Greenpeace Unterschriften gegen Langstrecken-Tiertransporte in der EU. Als Teenie viel mir dann ein Buch in die Hände, in dem die Idee einer nachhaltigen Wirtschaft, die Ökonomie, Ökologie und Soziales verbindet, beschrieben wurde. Ich war begeistert! Heute promoviere ich als Stipendiat der Heinrich Böll Stiftung im Bereich unternehmerischer Nachhaltigkeit.

 

Ein Wahlplakat mit großer Wirkung

Was hat eigentlich genau mein Interesse an Politik geweckt? Bei mir war das die Bundestagswahl 1998. Rot-Grün begann zu regieren, Joschka Fischer wurde Außenminister und eines Abends erzählte mir meine Mutter, dass sich deutsche Kampfflugzeuge an Luftschlägen im Kosovo beteiligen. Die Vorstellung von Krieg in Europa: Das machte mir damals Angst und tut es auch heute noch! Bei der Bundestagswahl 2002 stand dann auf den Plakaten der Grünen: „Joschka Fischer – Außen Minister, Innen Grün“. Am Tag nach der Wahl „borgte“ ich mir ein Exemplar dieses Plakats, das in unserer Straße stand und noch heute steht es hinten im Kleiderschrank in meinem alten Kinderzimmer. Ich bin bei den Grünen, weil wir uns als pazifistische Partei immer für das Friedensprojekt Europa eingesetzt haben und es in Zukunft auch weiterentwickeln werden.

 

Frieden und Versöhnung

Mit 14 Jahre begleitete ich meinen Opa auf eine Aussöhnungsfeier zwischen ehemaligen Weltkriegsgegnern. Sein Plädoyer damals für mehr Frieden und Versöhnung macht es mir rückblickend leichter, mit dem Tun und Unterlassen meiner Großelterngeneration selbst meinen Frieden zu finden. Seit ich 16 Jahre alt bin, engagiere ich mich in der Gedenkarbeit an Schulen und Gemeinden. Auf unserem jährlich stattfindenden Gedenkzug (Todesmarsch Dachau) lernte ich Überlebende des Holocausts und ihre Familien kennen - ihre persönlichen Erzählungen haben mich tief geprägt. Völkerverständigung ist für mich nicht nur ein edles Wort, sondern eine akute politische Aufgabe, bei der die Zivilgesellschaft aktiv miteingebunden werden muss.

 

Sicher-Geglaubtes zerbricht

2013 durfte ich für ein Aufbaustudium in Internationalen Beziehungen mit einem Schwerpunkt in Europastudien nach London gehen. Der Brexit war für mich und meine Kommilitonen weit weg, irgendwie unvorstellbar, und wir diskutierten leidenschaftlich naiv die Entwicklungen des Euromaidan in der Ukraine. Im Februar 2014 kam es dann zur russischen Annexion der Krim und Krieg an den Grenzen Europas war auf einmal wieder traurige Realität. Nach unserem Studium verstreute es uns wieder in die verschiedensten Teile Europas. Wenn wir uns gegenseitig besuchen, diskutierten wir über den Brexit und Donald Trump. Auf der Rückfahrt von einem dieser Treffen mit dem Zug von Italien nach Freising, strandete ich am 13. September 2015 spät abends an der österreichisch-bayerischen Grenze in Kufstein. Die Grenze war auf einmal dicht und das Europa, in dem ich mich bisher frei bewegen konnte, war auf einmal keine Selbstverständlichkeit mehr.

 

Für ein solidarisches Europa

Am Rande einer wissenschaftlichen Konferenz erlebte ich in Athen im Juli 2015 die sozialen Auswirkungen der rigiden Sparpolitik in Griechenland. Es ist der Tag des Referendums über ein weiteres Sparpaket und die Anhänger des „OXI“-Lagers (griech. „Nein“) sind überall auf den Straßen zu sehen. Von Studienfreunden höre ich, wie schwer es als junger Mensch immer noch ist in Ländern wie Griechenland oder Italien Arbeit zu finden. Daher kann ich den Griechen ihr „OXI“ zum Sparpaket nicht verdenken. Wir müssen vielmehr auf europäischer Ebene verhindern, dass eine einseitige Sparpolitik eine ganze Generation ihrer Perspektiven beraubt und sie in die Hände antieuropäischer Parteien treibt. Nur ein solidarisches Europa bleibt ein vereintes Europa!

 

Engagieren wir uns!

Seit Oktober 2017 bin ich Promotionsstipendiat der Heinrich-Böll Stiftung im Forschungscluster zur sozial-ökologischen Transformation. Bei der Auftaktveranstaltung wurde uns ein Satz von Heinrich Böll mit auf den Weg gegeben, der gleichzeitig das Leitbild der Stiftung ist: „Einmischung ist die einzige Möglichkeit realistisch zu bleiben!“. Ich denke dieser Satz gilt ganz besonders der jungen Generation, denn sie wird es sein, welche die Folgen heutiger Politik in Zukunft unmittelbar zu spüren bekommt. “Einmischung“ kann dabei für jeden von uns etwas anderes bedeuten. Unsere europäische Vielfalt lebt von einer vielfältigen Zivilgesellschaft. Stärken und schützen wir sie! Engagieren wir uns - zuschauen alleine reicht nicht!